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KURZE
DARSTELLUNG DER STUDIE "ZUWEISUNGSPRAXIS"
Hintergrund:
Bei 25%-30% aller Patienten mit einer Krebserkrankung
ist mit behandlungsbedürftiger psychischer Belastung,
i.S. einer psychischen Komorbidität zu rechnen.
Psychosoziale Interventionen sind nachweislich wirksam,
sie verbessern das psychische Befinden von Tumorpatienten
anhaltend, verringern psychischen Leidensdruck und
können einer Chronifizierung psychischen Leidens
entgegenwirken. Entscheidend ist es deshalb, Patienten
mit hohem psychosozialen Risiko zutreffend und möglichst
frühzeitig zu identifizieren, um sie zur psychoonkologischen
Mitbehandlung zuzuweisen.
Ziel der Studie "Zuweisungspraxis"
war es, die Häufigkeit von psychischer Komorbidität
bei Patienten festzustellen, die wegen einer Krebserkrankung
stationär in der Chirurgischen Univ.-Klinik Heidelberg
behandelt werden, und zu ermitteln, ob diese Patienten
zutreffend von den medizinischen Behandlern erkannt
und zur psychoonokologischen Mitbetreuung zugewiesen
werden. Auf allen Stationen, die Tumorpatienten behandlen,
werden Patienten im psychoonkologischen Liaisondienst
durch Mitarbeiter der PSN versorgt. Planung und Durchführung
erfolgten in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung
Allgemeine und Viszeralchirurgie der Chirurgischen
Klinik (Gefördert durch die Medizinische Fakultät
der Universität Heidelberg).
Vorgehen: Während der 6-monatigen
Erhebungsphase wurden konsektiv alle neu aufgenommenen
Patienten mit gesicherter oder vermuteter Krebserkrankung
rekrutiert und präoperativ untersucht. Von 240
Patienten erklärten sich 189 bereit, an der Studie
teilzunehmen. Methodisch wurde ein Mehrebenenansatz
gewählt, der die Selbsteinschätzung des
psychischen Befindens durch die Patienten mit der
Fremdeinschätzungen durch Pflegekräfte und
behandelnde Ärzte kombinierte. Ergänzend
erfolgte in einer nach Zufallsprinzip ausgewählten
Teilstichprobe ein strukturiertes psychiatrisches
Interview zur Diagnosestellung einer psychischen Störung
entsprechend DSM-IV, Achse 1. Patienten beantworteten
einen kurzen Fragebogen, bestehend aus zwei international
gebräuchlichen, psychometrisch gut geprüften
Screeninginstrumenten (Hospital Anxiety and Depression
Scale (HADS) Hornheider Fragebogen, Kurzform (HF).
Anhand von Schwellenwerten erfolgte die Zuordnung
zu hoher bzw. niedriger psychischer Belastung.
Je nach Erhebungsverfahren variierte die Häufigkeit
relevanter psychischer Störungen zwischen 24%
und 28%. Im diagnostischen psychiatrischen Interview
zeigten sich überwiegend Anpassungsstörungen,
eine major depression wurde bei 5% der Patienten diagnostiziert.
Anhand der Selbsteinschätzung der Patienten im
HADS- Gesamtscore waren 26% überschwellig belastet.
In der Fremdeinschätzung stuften Pflegende und
Ärzte- weitgehend vergleichbar - jeweils etwa
die Hälfte der Patienten als belastet ein. Im
Vergleich zur Selbsteinschätzung der Patienten
(HADS) beträgt die Sensitivität (d.h. der
Anteil der richtig als belastet eingschätzten
Patienten) 72% bei den Pflegenden und 64% bei den
Ärzten. Dem steht eine deutlich geringere Spezifität
(d. h. die zutreffende Einschätzung nicht belasteter
Patienten) gegenüber, die bei den Pflegenden
57% und bei den Ärzten 48% beträgt. Folglich
halten Ärzte und Pflegende jeweils 40% der Patienten
für betreuungsbedürftig.
Allerdings resultieren diese hohen Prozentsätze
nicht in einer faktischen Umsetzung: Mehr als die
Hälfte, 60% der Patienten mit krankheitswertiger
psychischer Belastung werden nicht psychoonkologischer
Mitbehandlung zugewiesen.
Zusammenfassend weisen in 25% -30%
der Tumorpatienten in dieser Studie eine klinisch
relevante psychische Komorbidität auf, wobei
Anpassungsstörungen mit etwa 70% überwiegen.
Nur ein Teil der hoch belasteten Patienten wird von
Ärzten und Pflegekräften zutreffend identifiziert,
insgesamt ist die diagnostische Treffsicherheit kaum
als zufriedenstellend zu bezeichnen. Nur etwa 40%
der Patienten mit psychischer Komorbidität werden
zur psychoonkologischen Mitbehandlung zugewiesen.
Überlegungen zu möglichen Ursachen haben
zum einen die erhebliche Arbeitsbelastung der medizinischen
Betreuer, wie auch Defizite in der Aus- und Fortbildung
zu berücksichtigen. Zum anderen fällt es
vielen Patienten ausgesprochen schwer, sich über
ihr psychisches Befinden mitzuteilen, umso mehr als
sie sich von der Behandlung in einer Chirurgischen
Klinik vor allem eine effektive operative Therapie,
möglichst Heilung von der Krebserkrankung wünschen.
Wie kann erreicht werden, dass Pattienten mit klinisch
relevanter psychischer Belastung mit grösserer
Wahrscheinlichkeit erkannt und zur psychoonkologischen
Mitbehandlung zugewiesen werden? Zwei sich ergänzende
Ansätz sind zu diskutieren: Zum einen könnte
ein systematisches Screening als Teil der Klinik-Routine,
mittels Selbsteinschätzung durch die Patienten
die diagnostische Treffsicherheit steigern, ein Vorgehen,
dass sich in einigen Kliniken bewährt hat. Zum
anderen sollte die psychosoziale und kommunikative
Kompetenz der medizinischen Behandler mit Hilfe geeigneter
und effektiver Fortbildungsmassnahmen erhöht
werden. Es existieren überzeugende Daten, die
den Nutzen solcher Fortbildung für Tumorpatienten
belegen.

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