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PROF. JOACHIM WEIS: KRANKHEITSVERARBEITUNG
Die
Krankheitsverarbeitung ist ein komplexes psychisches
Geschehen, an dem die subjektive Wahrnehmung, das
emotionale Erleben und kognitive Bewertungsprozesse
beteiligt sind und das Handeln direkt oder indirekt
beeinflussen. Unter der Krankheitsverarbeitung werden
alle psychischen Regulationsprozesse des Individuums
verstanden, die dazu dienen, die durch die Krankheit
bedingten Belastungen und Beeinträchtigungen
der seelischen sowie körperlichen Befindlichkeit
zu bewältigen. Ziel dieser Anstrengungen ist
die kurz-, mittel- oder langfristige Anpassung an
die krankheitsbedingten Belastungen, Veränderungen
oder Folgeprobleme.
Historisch
gesehen hat die Krankheitsverarbeitung ihre Ursprünge
in der psychoanalytischen Ich-Psychologie und der
Abwehrlehre Anna Freuds sowie der psychophysiologischen
Stresstheorie, die beide zusammen die Erforschung
der Krankheitsverarbeitung wesentlich beeinflusst
haben. Unser heutiges Verständnis der Krankheitsverarbeitung
geht auf das transaktionale Theoriemodell von Lazarus
und Folkman (1984) zurück und wurde in den beiden
letzten Jahrzehnten ausdifferenziert und weiterentwickelt
(Folkman et al., 1997). Als Grundannahmen wird heute
davon ausgegangen, dass die Krankheitsverarbeitung
als ein kontinuierlicher und interaktionaler Prozess
der Auseinandersetzung des Individuums mit der Krankheit,
ihren Belastungen und Folgen zu verstehen ist. Sie
erfolgt auf den Ebenen des Denkens, Fühlens und
Handelns und wird durch Bewertungsprozesse des Individuums
gesteuert. Personale Ressourcen sowie positiv affektive
Zustände haben hierbei einen wichtigen Einfluss.
Soziale Ressourcen können die Krankheitsverarbeitung
unterstützen, zugleich auch bei intensiver sozialer
Verstrickung jedoch auch behindern, bzw. negativ beeinflussen
(Koch & Weis 1998).
In
zahlreichen Studien konnte gezeigt werden, dass aktive
und problemzentrierte Verarbeitungsstrategien zusammen
mit emotionaler Entlastung nicht nur die individuelle
Lebensqualität erhöhen, sondern in einigen
Untersuchungen auch mit einem günstigeren somatischen
Verlauf der Erkrankung verknüpft waren, während
sich Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit als eher
ungünstige Strategien angesehen werden können
(Watson et al. 1999). Die Ergebnisse neuerer Studien
weisen darauf hin, dass die Auswirkungen der psychischen
Verarbeitung auf den Verlauf der Erkrankung mit bisherigen
Methoden nur schwer nachzuweisen sind und es hier
neuerer methodischer Ansätze bedarf (Petticrew
et al. 2002). Vor allem in den letzten 5-10 Jahren
ist in der Erforschung der Krankheitsverarbeitung
eine stärkere Fokussierung auf die personalen
und sozialen Ressourcen sowie die subjektiven Krankheitstheorien
in ihrer Auswirkung auf den Verarbeitungsprozess festzustellen.
Das Modell der Salutogenese (Antonovsky, 1987) sowie
Konzepte psychologischer Protektivfaktoren wie bspw.
die Selbstwirksamkeit (Schwarzer 1994) können
für die Weiterentwicklung des Verarbeitungskonzeptes
wichtige Impulse geben.
Vor
dem Hintergrund der Erforschung der Krankheitsverarbeitung
lassen sich folgende praktische Empfehlungen zur Krankheitsverarbeitung
ableiten: Information und Wissen über die Krankheit,
auch über psychosoziale Zusammenhänge, sind
wichtige Voraussetzungen dafür, den individuellen
Weg für sich selbst zu finden. Möglichkeiten
sind heute durch die psychosozialen Krebsberatungsstellen,
aber auch durch die neuen Medien wie das Internet
oder telefonische Informationsdienste gegeben. Soziale
Unterstützung durch die Familie, Freunde und
Bekannte kann den Verarbeitungsprozess positiv beeinflussen,
wobei auch der Austausch mit Betroffenen im Rahmen
von Selbsthilfegruppen hier hilfreich sein kann. Nicht
immer kann die Krankheitsverarbeitung jedoch über
die eigenen und familiären Ressourcen allein
gelingen; in diesen Fällen ist es wichtig auch
professionelle Hilfen annehmen zu können. Bei
allen Bemühungen um die Verarbeitung der Belastungen
sollte der Blick auch auf die Förderung gesunder
Anteile gelenkt werden. Gerade diese Sichtweise fokussiert
nicht nur auf die erlebten Defizite, sondern läßt
das verbleibende Potential stärker wahrnehmen
und bestmöglich ausschöpfen. Schließlich
soll in Erinnerung gerufen werden, dass der Prozess
der Krankheitsverarbeitung Zeit braucht und mehrere
Monate wenn nicht sogar ein Jahr vergehen kann, bis
die psychosoziale Anpassung an die veränderte
Situation erreicht ist. Für die Betroffene bedeutet
dies, Geduld mit sich selbst und anderen zu haben
und die Zeit aktiv für sich zu nutzen.
Literatur
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